Growing Green – Reisebericht Montenegro

Ein Gastbeitrag von Thomas Kohler (Schweiz).

Montenegro – für die meisten von uns ein Land zwischen der Schweiz und Griechenland, irgendwo in der Mitte des Balkans, aber noch lange nicht in der Mitte unserer Köpfe als aufstrebende Tourismusdestination. Wir, zehn Studenten der Fachhochschule für Tourismus aus Chur, bereisten begleitet von einem unserer Dozenten während einer Woche die Perle am Mittelmeer, wie Montenegro bereits vom englischen Dichter Lord Byron anfangs des 19. Jh. bezeichnet wurde.

Montenegro, das sich bereits 1991 als ökologischen Staat ausgerufen hat, wird als eines der am schnellst wachsenden Destinationen der nächsten Jahre eingestuft. Im Zentrum unserer selbst organisierten Reise stand das Motto „Growing Green“. Während verschiedensten Treffen mit Regierungsvertretern, ausländischen Grossinvestoren, nationalen und regionalen Tourismusorganisationen, Tour Operators und Hotelmanagern versuchten wir herauszufinden wie viel grünes Engagement wirklich dahintersteckt.

Mit der staatlichen Montenegro Airways flogen wir innerhalb zweier Stunden von Zürich nach Podgorica, der Hauptstadt Montenegros. Podgorica mit seinen rund 150‘000 Einwohnern und seinem trockenen heissen Klima erinnert  nicht sonderlich an türkisblaues Meer und wilde Natur, wie sich das Land im Ausland zu positionieren versucht. Dennoch hat auch die Hauptstadt einige versteckte kulturelle Highlights zu bieten, die zu meist aus der Belagerungszeit der Türken zwischen dem 18 Jh. und 19. Jh. stammen. Auch lohnt sich ein Besuch in einem der zahlreichen einheimischen Restaurants, um erste Eindrücke in die montenegrinische Küche zu erhalten, die sich vorwiegend auf Fleisch und… ja, Fleisch konzentriert. Bei einem ersten Treffen mit dem Direktor des internationalen Flughafens von Podgorica, der ebenfalls dem Staat gehört,  erhielten wir erste Einblicke darin, wie stark Montenegro auf den Tourismus setzt und was die Probleme sind, wenn ein Grossteil der Unternehmen im Besitz des Staates sind. Während des Treffens mit der stv. Ministerin für Nachhaltige Entwicklung und Tourismus wurde uns bewusst, wie sehr die Regierung eine nachhaltige Tourismus-Politik nach aussen verfolgt. Doch im Laufe der Woche mussten wir auch feststellen, dass diese Visionen nicht im ganzen Land mitgetragen oder verstanden werden.

Als wir die staubige Balkan-Metropole hinter uns gelassen haben, führte die Route uns weiter an die zwei Küstenstädte Budva und Kotor. Budva zählt zu einer der ältesten Orte an der Adria und seine berühmte Altstadt, die von einer mittelalterlichen Stadtmauer umgeben ist, steht unter Denkmalschutz. Die Stadt wurde 1979 beinahe komplett von einem Erdbeben zerstört, danach aber originalgetreu wieder aufgebaut. Die engen Gassen und die umliegenden kaum bevölkerten Strände laden zum Baden und verweilen ein.

Wenn man in diesem Moment bereits denkt, warum dieses beschriebene Montenegro noch so weiss auf der touristischen Landkarte ist, dann ist man definitiv noch nie in Kotor gewesen. Die Bucht von Kotor wird als südlichster Fjord Europas bezeichnet und wurde 1979 in das UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen.

Links und rechts der Bucht erheben sich bis zu 1‘894m hohe Bergketten, die zum Teil als Grundlage für die noch stehende Festungsmauer der türkischen Besetzung dienen. Noch ist es möglich alleine durch die historischen Gassen zu schlendern ohne Heerscharren von Touristen zu begegnen, dies könnte sich schon bald ändern, wenn Kotor erstmals von den grossen Kreuzfahrtschiffen entdeckt wird.

Über der Bucht Kotors liegt das Lovcen Gebirge, das über eine enge, sich den Berg hinaufwindende Strasse erreichbar ist. Oben angelangt und noch rund 461 Stufen entfernt, liegt das Njegoš-Mausoleum, das zu Ehren des 1851 verstorbenen Herrschers Petar II. Petrovic Njegoš errichtet wurde. Die Aussicht an diesem klaren und sonnigen Tag – wir hatten nur sonnige Tage in Montenegro – war überwältigend. So liess sich sogar in weiter Ferne Italien erkennen, das doch einige Kilometer entfernt liegt.

Solche Naturschönheiten bleiben selten unentdeckt und so auch in Montenegro. Rund 30min von Kotor entfernt liegt die Region Tivat, die von mehreren Buchten mit tiefblauem Meer umgeben ist. An dieser Lage plant Lustica Davelopment A.D., ein Tochterunternehmen von Samih Sawiris‘s Orascom Development Holding,  welches auch das Andermatt Swiss Alps oder El Gouna in Ägypten verwirklicht hat, ein touristisches Megaprojekt auf den Pfeilern der Nachhaltigkeit. Das rund 1.1 Mrd. Euro Vorzeigeprojekt, das über acht Hotels, 2‘000 Wohneinheiten, zwei Yachthafen und einen 18-Loch Golfplatz verfügen wird,  steckt noch in der Planungsphase und wird nicht vor 2025 abgeschlossen sein. So ist geplant, dass rund 60% der Energie aus nachhaltigen Quellen bezogen wird, nur einheimische Pflanzenarten eingesetzt werden und sowohl Baumaterial wie architektonischer Stil der Region angepasst wird, um nur einige wenige Massnahmen zu erwähnen. Dieses Projekt hat uns stark beeindruckt und zeigt die nachhaltigen Möglichkeiten im Tourismus auf.

Bei Elvis in einer der unzähligen Strassenbaren und anschliessender Balakanbeat-Disco-Party liessen wir unseren Abend in Kotor ausklingen. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass trotz langsam zunehmenden Touristenaufkommen die Preise in Kotor und den restlichen Teilen des Landes eher tief sind. So liegt ein Abendessen mit Bier für fünf Euro im durchschnittlichen Rahmen.
Von der Küste Kotors in die Berge Zabljaks. Nicht nur eine Fahrt durch die verschiedensten Naturlandschaften, sondern auch ein Wechsel von der mediterranen Klimaregion des Südens in die eher raue Zone des Nordens von Montenegro. Zabljak, die grösste Stadt in der nördlichen Region liegt an der Grenze des Nationalparks, der zusammen mit dem Tara Canyon zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde. Um das Zentrum von Zabljak, das sich in den nächsten Jahren zu einem modernen und ökologischen Skiresort mausern möchte, schiessen hunderte kleine Bungalows aus dem Boden, die von dem Tourismuswachstum der kommenden Jahre profitieren möchten. Die Regierung Montenegros hat daher einen Masterplan entworfen, der das Wachstum dieser Region „kontrollieren“ und nachhaltig entwickeln soll. Angesichts der Anzahl illegaler Bauten nicht die schlechteste aller Überlegungen. Dennoch haben wir in verschieden Treffen feststellen müssen, dass die Stossrichtung hauptsächlich aus der Hauptstadt zu spüren ist, die sich auch für einen EU-Beitritt einsetzt, aber vor Ort von der Bevölkerung  kaum verstanden oder mitgetragen wird. Nichtsdestotrotz der Norden Montenegros bietet eine einmalige Landschaft mit weissen Berggipfeln und tiefgrünen Wälder, die an die Filme Winnetous erinnern. Ein Mekka für Wanderer und Mountainbiker. Um tiefer in den Nationalpark zu gelangen, haben wir uns für eine Rafting-Tour auf dem Tara Canyon, der zweittiefsten Schlucht der Welt hinter dem Grand Canyon, entschieden und waren von den Eindrücken der Umgebung und dem kristallklaren Bergwasser überwältigt.

Für unsere letzte Etappe vom National Park Durmitor zurück nach Podgorica wählten wir die Passstrasse via Plucine, die auch vereinzelt als „Lord of the Rings Road“ bezeichnet wird. Während der Fahrt machte diese Namensgebung mehr und mehr Sinn.

Montenegro ist ein Land, das sich bemüht, seinen Tourismus nachhaltig zu entwickeln, aber noch in den Kinderschuhen steckt. Doch seine überwältigende Natur und Kultur wird dem Land in den nächsten Jahren ein grosses Touristenaufkommen bescheren. Wir hoffen, dass Montenegro die Balance zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit schaffen wird mit Hilfe ausländischer Spezialisten und dem Verständnis der zukünftigen Touristen.

Wenn ihr mehr über Montenegro und unsere Studienreise erfahren möchtet,  schaut doch auf unserem STA Travel Reisetagbuch nach.

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5 Kommentare

  1. Maraike Reimer 13. Juni 2012 at 14:29

    Danke Thomas, wirklich ein sehr schöner Artikel. Wir sind gespannt, wie sich Montenegro als Tourismusdestination entwickeln wird. Eure Bilder machen auf jeden Fall große Lust das Land zu bereisen.

    LG Maraike

  2. Thomas Kohler 13. Juni 2012 at 19:34

    Danke für die Veröffentlichung. Das Team freut sich seine Erfahrungen mit STA Travel und allen STA Travel Freunden zu teilen.

    Beste Grüsse aus Chur,
    Thomas

  3. marina 17. Juni 2012 at 17:34

    wirklich sehr schöner artikel. ich kenne montenegro sehr gut.. muss man ja, wenn die eltern von dort kommen ;-)

    ein bild und ein ort vermisse ich im beitrag. nämlich sveti stefan. das fotomotiv und muss für alle reisende ;-) . sogar die meisten einheimischen, die ans meer fahren, halten unterwegs an, um sich mit dieser schönen stadt zu fotografieren :-)

    montenegro ist wirklich eine reise wert.

  4. Kirsi Hyvaerinen 18. Juni 2012 at 18:11

    Danke! Gut erfasst. Tolle Bilder. Empfehle auch diesen FAZ-Artikel vom Juni 2012:

    http://www.faz.net/aktuell/reise/montenegro-platz-fuer-hundertmeteryachten-11775191.html

    Auf der genannten Website der Nationalen Tourismusorganisation sind die deutschsprachigen Inhalte noch in Arbeit. Für weitere Infos steht auch das Tourismusbüro Montenegro in Frankfurt gerne zur Verfügung: info-frankfurt@montenegro.travel

  5. Sergej 20. Juni 2012 at 21:54

    Ein toller Artikel mit super Bildern. Der Bericht bestätigt eins zu eins die Erlebnisse von meinen Freunden in diesem Land. Da ich schon in Kroatien mal war, wird wohl das nächste Reiseziel Montenegro sein.

    Mit besten Grüßen und bis bald im Montenegro

    Sergej

  6. [...] Thomas Kohler für den wirklich eindrucksvollen Bericht aus Nicaragua! Thomas hat bereits aus Montenegro für uns [...]

Kommentare

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