Radschlag nach Osten – Ein Interview

Alexandra und Stefan radeln um die Welt

Alexandra und Stefan von Radschlag.at sind in Österreich gestartet und radeln immer weiter gen Osten. Ihr ambitioniertes Ziel: Thailand. Eine Auszeit vom Alltag nehmen, die Welt entdecken und dabei etwas Gutes tun – das steckt als Idee hinter ihrem Radel-Projekt. Sie möchten mit dem Projekt auf die Promise Foundation Austria, kurz: PFAU, aufmerksam machen, die sich um die Förderung von Schulkindern in Simbabwe kümmert. Der Traum der beiden ist es, so viel Spenden zu sammeln, wie sie Kilometer auf den Fahrrädern hinter sich bringen.

Nachdem sie die Slowakei, Polen, die Ukraine, Weißrussland, Russland und Kasachstan durchradelt haben, sind Alexandra und Stefan mittlerweile in China angekommen, mit über 5.500 km mehr auf dem Zähler. Ich war neugierig und habe mich nach einem Zwischenstand erkundigt:

Über 5.500 km geradelt, wow! Ganz ehrlich: wie fühlt ihr euch?

Stefan: Wir fühlen uns momentan sehr gut. Liegt vielleicht daran, dass wir gerade drei Wochen Pause von unseren Rädern hatten, da wir, wie von Anfang an geplant, durch China mit dem Zug gefahren sind. Die Distanzen hier waren einfach zu groß, um in einem Monat durchzuradeln. Nach den ewig langen Zugfahrten (einmal sogar 57 Stunden) freuen wir uns jetzt aber schon wieder auf unsere Räder und das nächste Reiseziel Laos.

Alexandra: Die längere Pause hat uns wirklich gut getan. Denn nach den 5.000 km war ich schon ein bisschen fertig, was vor allem am Wetter und den großen Distanzen in Kasachstan lag – und an meinem Knie, das immer mehr schmerzte.

Radschlag_Bild2

Ohne Räder konnten wir ihn China so einige Sehenswürdigkeiten besichtigen…

 

radschlag

Endlich haben wir die Räder wieder. Bald kann es weitergehen!

Was war bisher die schönste, bzw. überraschendste Erfahrung, die ihr auf eurem Weg gen Osten gemacht habt?

Wir haben uns sehr über die Gastfreundlichkeit der Menschen gefreut. Daheim und auch von den Leuten auf der Reise wurden wir meist von den Ländern weiter im Osten gewarnt. Da hieß es dann immer, die Leute im nächsten Land sind sehr gefährlich und man muss extrem aufpassen.

Naja, schlussendlich war es dann immer das Gegenteil. Die Leute waren größtenteils sehr freundlich und sehr interessiert an unserer Reise. Meistens wurden unsere Räder bestaunt und wenn wir ihnen mit Händen und Füßen erklärten, dass wir in Österreich weggeradelt sind, wurden wir oft als verrückt erklärt. 🙂

Gastfreundlichkeit wird im Osten groß geschrieben

Gastfreundlichkeit wird im Osten groß geschrieben

Ihr scheint beide ein Faible für das Singen/Komponieren beim Radeln zu haben. Habt ihr es bislang geschafft, gemeinsam quasi einen Titelsong/eine Titelmelodie zu finden?

Stefan: Der musikalische Part liegt eher bei Alexandra. Mich will man lieber nicht singen hören. Meine Lieder spielen sich meist nur im Kopf ab – die Öffentlichkeit sollte davor geschützt werden. 😉

Alexandra: Ich höre dir aber gern zu!

Stefan: Ich wollte auf der Reise auch Mundharmonika spielen lernen, aber nachdem sich das Instrument drei Monate in der Tasche versteckt hat, habe ich es dann in Kasachstan einem sehr hilfsbereiten Mann geschenkt. Der hatte sich um mich gekümmert, als ich eine Lebensmittelvergiftung hatte.

Alexandra: Und ich schleppe seit Österreich eine grüne Ukulele mit mir herum, in der Hoffnung, irgendwann doch noch ordentlich spielen zu lernen. Bisher hat es nur für vier schlecht gespielte Lieder gereicht. Vielleicht wird’s bis Bangkok ja noch was!

Radschlag

Am Abend beim Wildcampen sind wir meist zu Müde zum Musizieren.

Auf einer Skala von 1-10: für wie verrückt haltet ihr euer Vorhaben, zu zweit auf dem Fahrrad nach Thailand zu fahren?

Stefan: Ich habe bereits zuvor zwei Radtouren von Österreich nach Griechenland bzw. nach Rumänien gemacht und wusste ja, was auf mich zukommt. Natürlich ist es ein Abenteuer und ich würde die Verrücktheit in der Mitte bei 5 ansiedeln.

Alexandra: Als wir das erste Mal über diese Art zu reisen gesprochen haben, hätte ich den Verrücktheitsgrad wohl mit 10 bewertet. Je mehr Bücher und Blogs ich zu dem Thema gelesen habe, umso realistischer wurde das Vorhaben für mich. Mittlerweile bin ich zwar erstaunt, dass wir es tatsächlich so weit geschafft haben, aber eigentlich war es dann doch einfacher, als ich befürchtet hatte. Bei 5 stimme ich also zu.

Verrückt machte Alexandra am Anfang nur die Steigung in der hohen Tatra ;-)

Verrückt machte Alexandra am Anfang nur die Steigung in der hohen Tatra 😉

Natürlich ist bei so einem Trip nicht alle Tage Sonnenschein, auch nicht im übertragenen Sinne. Wie geht ihr mit kleinen oder größeren Problemen bzw. Krisen um?

Stefan: Größere Krisen konnten wir zum Glück bisher vermeiden. Kleinere Krisen gibt es, wie im Alltag daheim auch öfters, aber da muss man einfach durch. Der Vorteil beim Radfahren ist, dass man sehr sehr viel Zeit zum Nachdenken hat. Da kann man sich mit den Problemen und Krisen auseinandersetzen. Außerdem ist es gut, dass man sich körperlich betätigt. Durch die Anstrengung lösen sich die Probleme meist in Luft auf, da man nach einer gewissen Zeit zu fertig ist, um sich zu ärgern. J

Alexandra: Ja, zu müde sein hilft, aber darüber reden ist auch gut. In Kasachstan haben wir dann manchmal auch eine Schreitherapie gemacht. 😉 Glücklicherweise gibt es dort genügend Plätze, wo kein Mensch ist.

Erste kleine Krise bereits nach einer Woche. Stefan musste zum Zahnarzt in der Slowakei

Erste kleine Krise bereits nach einer Woche. Stefan musste zum Zahnarzt in der Slowakei

Körperliche Betätigung am Land

Körperliche Betätigung am Rad

Von den bisher durchquerten Ländern, welches würdet ihr als euer Lieblingsland bezeichnen (in punkto Gastfreundschaft, landschaftlicher Reiz, Straßenverhältnisse, Kultur etc.)?

Stefan: Mein Lieblingsland auf der Reise war Kasachstan. Weniger wegen der Landschaft (die Steppe war nur am Anfang faszinierend…), sondern mehr wegen den Leuten. Ich bin schon viel gereist, aber so freundliche Menschen habe ich noch nie getroffen. In keinem anderen Land haben Autofahrer sooft aufgehalten, um mit uns zu plaudern, Fotos zu machen und uns mit Kleinigkeiten zu beschenken. Wenn bei über 40 Grad ein LKW-Fahrer neben dir stoppt und dir einen kalten Eistee in die Hand drückt, würdest du ihm am Liebsten um den Hals fallen. Aber auch Obst und sogar Geld wurde uns des Öfteren von den freundlichen Kasachen auf der Straße überreicht.

Leider hatten wir in Kasachstan auch zwei unserer Tiefpunkte. Einmal habe ich schlechtes Wasser getrunken und bin nach zwei Kilometern vor lauter Übelkeit und Bauchschmerzen am Boden gelegen. Ein anderes Mal war der Hinterreifen von Alexandra so kaputt, dass wir ihn nicht selbst reparieren konnten. Aber genau bei diesen Ereignissen waren wir froh, in einem so gastfreundlichen Land zu sein. Jedes Mal hat sich sofort ein Kasache um uns gekümmert und jeweils den ganzen Tag damit verbracht, unsere Probleme für uns zu lösen.

Alexandra: Die Kasachen waren wirklich sehr nett, aber das Land war trotz einer gewissen Faszination ehrlich gesagt nichts für mich. Obwohl wir vergleichsweise nur sehr kurz dort waren, hat mir Polen besonders gut gefallen. Viel Geschichte, viel Kultur, gute Straßen, sehr gutes Essen, und die Landschaft war auch sehr schön. Ich denke aber, dass Südostasien das ändern könnte. Was wir bisher von China gesehen haben, hat mich schon sehr beeindruckt – hier ist wirklich alles ganz anders als bei uns. Uralte Bauten, grüne Hügel und Berge, und das Essen ist oft sehr köstlich, auch wenn wir kaum etwas verstehen.

Eines der unzähligen Gruppenfotos mit freundlichen Kasachen

Eines der unzähligen Gruppenfotos mit freundlichen Kasachen

Mit „russian car“ ohne Bremsen gings nach der Lebensmittelvergiftung zur Dorfkrankenschwester

Mit „russian car“ ohne Bremsen gings nach der Lebensmittelvergiftung zur Dorfkrankenschwester

Alternativer Fahrradtransport

Alternativer Fahrradtransport

Stadtbesichtigung in Zamosc in Polen, dem Padua des Norden.

Stadtbesichtigung in Zamosc in Polen, dem Padua des Norden.

Welche drei Eigenschaften muss man eurer Meinung nach mitbringen, um solch eine Reise durchzustehen?

Stefan: Das Wichtigste auf so einer Reise ist, dass man offen für Neues ist und Vertrauen in andere Menschen hat. Man kommt oft in Situationen, wo man auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen ist. Man muss dann einfach Vertrauen haben und in 99,9 % der Fälle meinen es die Menschen gut und freuen sich selbst, dass sie zwei Radfahrern helfen können.

Zudem ist wichtig, dass man nicht zu „haglich“ (heikel) ist. Je weiter wir in den Osten kamen, umso weiter waren wir auch von den österreichischen Standards weg. In der Steppe Kasachstan wird gegessen, was auf den Tisch kommt, weil es keine Auswahl gibt und auch an die Toiletten-Situation muss man sich gewöhnen. Statt westlichen Toiletten gibt es einfach eine Holzhütte mit 3 Löchern im Boden, also ohne Spülung oder Trennwänden, aber da muss man durch. 😉

Alexandra: Oder man sucht sich Schlupflöcher. Oft ziehe ich die Natur einer ekelhaften Holzhütte vor. Und essen muss man auch nicht alles, wenn man nicht will. Das Kapitel Hammelfleisch habe ich mehr oder minder erfolgreich umschiffen können. Dreimal probiert, mich fast übergeben und die Sache abgehakt. Lagman – eine Art Eintopf mit Nudeln, viel Gemüse und wenig Rindfleisch – hat mir auf jeden Fall das Leben gerettet.

Stefan: Was man auf keinen Fall für so eine Reise mitbringen muss, ist eine große körperliche Fitness. Wir sind zwar davor immer in Wien geradelt, aber durch die ganze Vorbereitung mit Wohnungsauflösung usw. haben wir in den letzten zwei Monaten vor der Abreise kaum mehr gesportelt. Die Kondition kommt dann eh während der Reise, der Körper gewöhnt sich daran.

Mmmmh, Lagman

Mmmmh, Lagman

Bei der Suche nach einem Platz zum Wildcampen findet man überraschende Dinge.

Bei der Suche nach einem Platz zum Wildcampen findet man überraschende Dinge.

Ihr habt ja, klimatechnisch gesehen, ein paar kühlere Länder durchradelt. Wie hält man sich selbst am besten bei Laune, wenn man durch Wind, Matsch und Regen radelt, aber eigentlich lieber daheim auf der Couch in eine warme Decke gekuschelt wäre?

Stefan: Dieser Gedanke, wie schön es nicht daheim auf der Couch wäre, ist uns nicht nur einmal durch den Kopf gegangen. Aber in dem Moment kann man es leider nicht ändern. Die Couch ist nun mal tausende Kilometer entfernt. Da wir im Mai losgeradelt sind, wussten wir aber, dass der Sommer und das warme Wetter immer näher kommen und es hoffentlich nur vorübergehend regnet. War dann meistens so. Längere Regenperioden hatten wir zum Glück nicht. Und wenn doch irgendwo mehrere Tage Regen angesagt waren, haben wir einfach ein paar Tage Pause gemacht. Mit dem Fahrrad reist man relativ langsam, also ist man flexibel und ein paar Tage Regenpause fallen nicht ins Gewicht und tun dem Körper gut.

Alexandra: Was natürlich schon etwas frustrierend war, war, dass wir in Kasachstan eigentlich das verregnetste Wetter hatten, obwohl es dort im Sommer bei 30 – 40 Grad kaum regnen soll. Das hat sich schon negativ auf die Stimmung niedergeschlagen und nur der Gedanke daran, dass wir in Kirgistan und in China dann mal pausieren dürfen, hat mich vorangetrieben. Ansonsten sollte man für solche Situationen Lieblingsmusik im MP3-Player und vielleicht ein paar Podcasts dabei haben – das lenkt zumindest ab. 😉

Auf Regen folgt Sonnenschein.

Auf Regen folgt Sonnenschein.

Wer braucht eine Couch, wenn man auch hier sitzen kann.

Wer braucht eine Couch, wenn man auch hier sitzen kann.

Was wünscht ihr euch für den weiteren Verlauf der Reise? Worauf freut ihr euch am meisten?

Stefan: Nachdem wir mit Laos und Thailand nur mehr zwei Länder vor uns haben, wäre es super, wenn wir und auch die Räder weiterhin vor größeren Problemen und Defekten verschont bleiben.

Wir sind auch gerade dabei, die warmen Sachen und unsere Campingausrüstung mit der Post vorauszuschicken – nach Thailand wollen wir über Weihnachten noch nach Neuseeland. Ob mit oder ohne Fahrräder steht noch in den Sternen. Mal schauen wie groß die Motivation fürs Weiterradeln in Bangkok ist.

Alexandra: Auf jeden Fall freuen wir uns schon auf Südostasien. Wir waren beide noch nie dort und man hört nur Gutes darüber. Nach den ganzen ehemaligen Sowjet-Staaten, mit eher langweiligen Speisen konnten wir uns hier in China schon einen Vorgeschmack auf die asiatische Küche holen. In Thailand soll es ja dann angeblich das beste Essen der Welt geben. Wir sind schon sehr gespannt und freuen uns drauf.

Nach der längeren Pause freuen wir uns wieder auf unsere Räder.

Bangkok, wir kommen!

Danke euch, für diese ehrlichen Antworten von unterwegs!

Wenn ihr, liebe Blog-Leser, die Radelei der beiden weiterverfolgen möchtet, schaut einfach mal auf Radschlag.at vorbei oder folgt Alexandra und Stefan auf Facebook. Natürlich freuen sich die beiden auch sehr über eine Spende für PFAU, damit sich das „Kräftig-in-die-Pedale-treten“ doppelt lohnt 🙂

VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 4.6/5 (9 votes cast)
Radschlag nach Osten - Ein Interview, 4.6 out of 5 based on 9 ratings

Noch kein Kommentar

Sei der erste Leser, der diesen Beitrag kommentiert!

Kommentare

Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar Custom avatar