Reisen und Volunteering in Nicaragua

Nicaragua – Ein Land mit einer düsteren Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. Für viele Hobby-Abenteurer ist Nicaragua nicht viel mehr als der kleine Nachbar Costa Ricas oder eine Ein-Stopp-Destination auf dem Gringo Trail von Mexico nach Panama. Dabei hat Nicaragua, in dem bis Anfang der Neunzigerjahre noch bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, soviel zu bieten, dass man am besten seine geplante drei-Wochen-on the shoestring-Mittelamerika-Reise auf Nicaragua beschränkt. In den zwei Monaten, in denen ich das Land bereiste und mich als Volunteer für eine Menschenrechtsorganisation einsetzte, durfte ich ein Land mit einer atemberaubenden Natur und liebenswürdigen Menschen kennenlernen.

Es ist unerträglich heiss, der Wind weht den staubigen Untergrund durch die Luft und Verkäuferinnen pressen sich durch die bereits überfüllten, ausgedienten amerikanischen Schulbusse und preisen mit schriller Stimme die unterschiedlichsten Produkte an – eine alltägliche Situation auf einem der unzähligen, chaotisch wirkenden Busterminals. Doch es gibt wohl kaum einen einfacheren und besseren Ort um mit den Nicas ins Gespräch zu kommen, als während einer knatternden Busfahrt.

Granada, ein koloniales Juwel Mittelamerikas, ist eine solch dreistündige Busfahrt von der Hauptstadt Managua entfernt. Die Stadt liegt am Ufer des Lago de Nicaragua, dem grössten Binnengewässer Mittelamerikas. Nebst seinen unzähligen Museen, Kirchen und Kolonialbauten liegen vor der Küste Granadas rund 365 kleine tropische Inseln. Las Isletas sind teilweise seit Generationen bewohnt, von den spanischen Konquistadoren zu Wachposten umfunktioniert worden oder von angriffslustigen Brüllaffen besiedelt– Abstand halten!

In Mitten des Lago de Nicaragua liegt die Isla de Ometepe, die tropische Insel besteht aus zwei Vulkanen, wobei der eine der beiden das letzte Mal 2010 ausgebrochen ist. Die Überfahrt ist ein wenig rau, doch bei klarem Wetter wird man mit dem majestätischen Blick auf die Vulkane belohnt. An der schmalsten Stelle ist die Insel, die die Form einer 8 besitzt, nur wenige hundert Meter breit. Während des mehrstündigen Aufstiegs durch den dichten Nebelwald des Maderas Vulkanes genoss ich die absolute Ruhe und artenreiche Wildnis. Oben angekommen, war ich einfach nur froh meine Aussicht auf die schmale Landbrücke nicht mit hunderten anderer Touristen wie auf Koh Phi Phi teilen zu müssen.

Einmal einen Vulkan bestiegen, hat einem das Vulkanfieber gepackt. Nicaragua bietet da die beste Medizin – massenhaft Vulkane. Über 70km vom Nordwesten des Landes in den Südosten spannt sich die Maribios Vulkankette, eine der Aktivsten auf der ganzen Welt. León, das zweite koloniale Schmuckstück Nicaraguas, liegt in Mitten dieser Kette und eignet sich hervorragend als Abenteuer-Hub.

Zu meinem Glück verbrachte ich meine Zeit als Volunteer in León, von wo aus ich einen Vulkan nach dem anderen hochkraxeln konnte. Obwohl der Telica mit seinen rund 1.000m nicht sonderlich hoch wirkt, hatte ich während des mehrstündigen Aufstiegs mit Campingausrüstung und unzähligen Wasserflaschen das Gefühl, dass eine Radtour durchs Death Valley im Neoprenanzug bestimmt angenehmer sein müsste. Doch erreicht man erstmals den gigantischen Krater und blickt über dessen Rand in die unendliche Tiefe, in der man bei Dunkelheit das glühende Lava erblickt, ist die ganze Schinderei vergessen – vielleicht lag’s aber auch an der hohen Schwefelkonzentration in der Luft, die einem den Horizont ein wenig verschummern lässt.

Manche von euch sagen jetzt vielleicht neben einem aktiven Krater zu campieren und vom sanften Grollen der glühenden Lava in den Schlaf gewiegt zu werden, sei zu wenig abenteuerlich, aber glücklicherweise gibt’s für diese von euch ja noch den Cerro Negro. Auf Platz 2 der Thrill seeker’s bucket list von CNN steht Volcano Boarding auf einem der aktivsten Vulkane überhaupt. Auf einem schlittenähnlichen Gefährt versucht man so schnell oder so sicher wie möglich, den bis zu 45° steilen und ca. 1000m langen Vulkanhang herunter zu brausen. Der Rekord liegt bei knapp 90km/h – Schlittenerfahrung auf Schnee von Vorteil!

An der Grenze zu Honduras liegt das kleine Städtchen Somoto, das bis heute kaum von Touristen aufgesucht wird. Nebst dem wohl besten Kaffee Nicaraguas bietet Somoto mit seinem Canyon das wohl beste Canoeing-Erlebnis weit und breit. Einverstanden, die Schutzausrüstung ist ausbaufähig, doch muss man bedenken, dass dieser Canyon erst vor wenigen Jahren von der „Aussenwelt“ entdeckt wurde und erst wenige Touristen den Weg in den Norden gefunden haben. Die Sorge über das fehlende Equipment schiesst höchstens nochmals kurz durch den Kopf, wenn man auf einem der bis zu 15m hohen Felsen steht und sich nochmals hintersinnt, warum man so etwas überhaupt aus Spass macht.

Geht man ein wenig abseits der typischen Routen, so findet man viele solcher kaum bevölkerten Naturschönheiten und lernt die ehrliche Gastfreundschaft der Nicas kennen und lieben. Doch Nicaragua hat auch seine Schattenseiten. Die „Isla Foundation“  für die ich als Volunteer tätig war, setzt sich für die Menschen in der nördlichen Region von Chichigalpa ein. Viele Männer dieser Region, die meist seit Jahren auf den Zuckerrohrfeldern internationaler Grosskonzerne schuften, leiden an schwersten chronischen Nierenerkrankungen, die in den meisten Fällen zum Tode führen. Da die meisten Arbeiter im Akkord arbeiten, bedeuten Trinkpausen einen Einkommensverlust, aber auch der Einsatz von Pestiziden ohne wirkliche Schutzbekleidung ist eine von vielen Ursachen. Der knapp 6.000 Einwohner zählende Ort „La Isla“ wird im Volksmund nur noch „Die Insel der Witwen“ genannt, da rund 60% der männlichen Bevölkerung dem Leiden bereits erlegen sind. Die „Isla Foundation“ setzt sich mit nationalen und internationalen Spezialisten für die Forschung und die Einhaltung der Menschenrechte ein und versucht für ein kleinwenig Gerechtigkeit zu sorgen.

Die Kombination aus Reisen und Volunteering hat mir die Möglichkeit gegeben, Land und Leute auf eine viel persönlichere Art und Weise kennenzulernen. Die gesammelten Erfahrungen und das Wissen sich für eine gute Sache eingesetzt zu haben, wird sicherlich eine längere Zeit überdauern als das am Flughafen gekaufte Abschiedssouvenir. Also warum nicht den nächsten Urlaub mal als Volunteer verbringen, STA Travel hat genügend spannende Angebote.

Vielen Dank an Thomas Kohler für den wirklich eindrucksvollen Bericht aus Nicaragua! Thomas hat bereits aus Montenegro für uns berichtet.

Viele Angebote zum Thema Freiwilligenarbeit findet ihr in unserem Katalog ‘Reisen mit Perspektiven’ (DE | AT | CH).

 

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4 Kommentare

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    Chris 11. Oktober 2012 at 22:14

    Tolle Bilder, vor allem das Bild vom Canyon!

  2. vivalafranzi 22. Oktober 2012 at 22:30

    toller bericht! schade, dass du die corn islands weggelassen hast, Anreise ist zwar teuer, aber sie lohnen sich absolut!

  3. Walter Burk 29. November 2012 at 10:11

    Gratuliere zu diesem Engagement und dem interessanten Bericht!

  4. Freiwilligenarbeit im Ausland 14. März 2013 at 11:11

    Schön!Ein wichtiger Beitrag, da ich finde, dass gerade solche Länder oft vergessen werden, da auch sie Hilfe in jeder Hinsicht brauchen! Man denkt vielleicht immer an Afrika in solcher Hinsicht aber auch Länder wie z.B. Nicaragua, Thailand oder auch Argentinien brauchen Unterstützung!

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