Unterwegs auf dem Inca Trail

Exklusive und unberührte Orte reizen mich. Trotzdem folge ich manchmal dem Massentourismus, da auch dieser mir Destinationen zeigt, welche ihren Reiz – dank der Einmaligkeit und dem anhaftenden Mythos – nie verlieren werden. Zum Beispiel der Inca Trail in Peru.

Einst ein Pilgerweg der Inkas im 15. Jahrhundert, ist der Inca Trail heutzutage eine der berühmtesten Wanderungen der Welt. Und diese hat es durchaus in sich: Die rund 42 Kilometer führen in knapp vier Tagen zur Inkastadt Machu Picchu, durch subtropische Wälder, entlang alter Inkaruinen und über mehrere Andenpässe.
Ein walk of life. Im November 2009 war’s für mich soweit.


Da mein Spanisch nicht über eine einfache Bierbestellung hinaus reicht, schliesse ich mich für meine ganze Südamerika-Reise einer internationalen Reisegruppe an – von Lima nach Buenos Aires. Teil dieser Reise ist der Inca Trail. Für uns alle ein Höhepunkt.

Entsprechend werden wir von unseren peruanischen Reiseleitern darauf vorbereitet. Während der zweitägigen Akklimatisation in Cusco auf 3400m Höhe erfahren wir sowohl die Mythen und Geheimnisse der Inkas, als auch viele praktische Details. Eines davon macht uns alle sofort zu schaffen: Neben unseren zwei Reiseleitern werden uns zwei Köche und 22 Träger begleiten. Diese Träger werden aber nur 6kg pro Person zum Machu Picchu tragen. Den Rest unseres Gepäcks müssen wir entweder selber schleppen oder in Cusco lassen. Das erfordert genaue Planung, speziell da nun Ende November die Regenzeit begonnen hat. Mein Zimmergenosse Craig und ich beschliessen, die Körperpflege in den kommenden Tagen auf ein Minimum zu beschränken und setzen auf gute Regenkleidung.

Eine Art Zollhäuschen in der Nähe von Ollantaytambo markiert den offiziellen Beginn des Inca Trails. Nicht jeder darf hier frei herumlaufen, die peruanische Regierung reguliert den Tourismus indem sie die Anzahl der Bewilligungen für den Inca Trail beschränkt. Sehr sorgfältig wird also meine Bewilligung mit meinen Reisepassdaten verglichen. Nach einigen Minuten bin ich um einen Stempel im Pass und einen Ratschlag reicher: “Don’t get sick!“

Die ersten Kilometer sind unspektakulär. In der warmen Morgensonne laufen wir gemütlich den Rio Urubamba entlang. Unser Chefguide Eduardo läuft voraus, der andere Guide Livan ist am Schluss unserer 15-köpfigen Gruppe. Die Träger mit unseren 6 Kilos und der Campingausrüstung sind schon meilenweit voraus. Manchmal halten wir an und Eduardo erklärt uns die Flora und Fauna. Und die Wetterlage. „Guys, there will be rain in 20 minutes“. Ich glaube ihm das sofort. Als es kurze Zeit später zu nieseln beginnt, weiss ich, dass wir es hier mit absoluten Profis zu tun haben. Beruhigt laufe ich durch den Nieselregen weiter. Vielleicht kann ich es mir doch erlauben, krank zu werden.


Die Ruinen von Patallacta sehe ich nur durch dünne Nebelschwaden hindurch, trotzdem ist die Aussicht gewaltig.
Der Regen lässt nach, und nach einem kurzen Abstieg ins Wayllabamba-Tal gelangen wir zu unserem Mittagsrastplatz. Klatschend werden wir von unseren 22 Trägern empfangen, dabei sind wir gerade mal knapp drei Stunden gelaufen. Meine Verwunderung ist aber noch grösser, als uns kurze Zeit später das zweiköpfige Kochteam zu Tisch bittet. Natürlich im mitgeschleppten Zelt an einem sauber gedeckten Tisch. Die warme Nudelsuppe und der Salat schmecken köstlich. Nicht so der Coca Tee. Diesen trinke ich nun schon seit Tagen, um gegen die Höhenkrankheit anzukämpfen. Bisher allerdings vergebens.

Kurz vor 15 Uhr erreichen wir unseren ersten Lagerplatz, Wayllabamba. Erneut werden wir von unseren Trägern klatschend empfangen. Eduardo stellt jeden einzelnen von uns den Trägern und Köchen vor. Eine schöne Geste, immerhin machen wir diese Wanderung gemeinsam. Alle Zelte sind bereits aufgebaut, sogar ein kleines Wännchen mit warmem Wasser steht vor jedem Zelt. Also doch Körperpflege. Ich ziehe meine Schuhe aus und stecke die Füsse ins warme Wasser. Livan bringt uns Bier. „Guys, dinner at 6.“

Zwischen Gemüsesuppe und Kartoffelgratin erklärt uns Eduardo den nächsten Tag. „Guys, it will be tough!“ Wir haben die Wahl, früh oder spät aufzustehen. Eduardo empfiehlt uns die Morgenschicht, wegen des Wetters. Alle erklären sich sofort einverstanden. Beim Coca Tee gibt uns Livan noch die letzten Tipps für eine warme Nacht. Inzwischen ist es draussen knapp 10 Grad und stockdunkel. Im Zelt herrscht aber Zimmertemperatur, im Schlafsack ist es dann sogar ungemütlich heiss. Kurz nach 20 Uhr bin ich im Tiefschlaf.

Eduardo weckt uns in aller Herrgottsfrühe. Wieder steht ein Wännchen mit warmen Wasser vor dem Zelt. Besser als jedes Hostel, denke ich mir während ich die Anden angähne. Das Panorama ist gewaltig: Die schneebedeckten Berge vor mir glänzen in herrlichster Morgensonne.

Als wir nach dem Frühstück aufbrechen, sind die meisten Träger schon längst losmarschiert. Sie müssen ja vor uns am nächsten Lagerplatz sein, um alles zeitig aufzubauen. Aber das wird heute kein Problem sein: Der Andenpass Warmiwañusqa auf einer Höhe von 4200 Meter liegt vor uns. Unser Lagerplatz liegt auf knapp 2800 m Höhe. Eduardo und Livan erklären uns den Weg. Einfach dort hinauf, jeder in seinem Tempo. Während des Aufstiegs sind beide Guides heute am Schluss der Gruppe. Es soll ja niemand zurückgelassen werden.

Der Aufstieg zum Warmiwañusqa-Pass ist wunderschön, und gleichzeitig brutal. Die Gruppe hat sich schnell aufgeteilt, die meisten quälen sich alleine hoch. Mit jedem gewonnenen Meter wird die Aussicht auf die Andengipfel schöner, der Kampf mit der dünnen Luft und der sengenden Sonne aber schlimmer. Am Wegrand verkaufen Einheimische Süssigkeiten und Getränke. Je höher, desto teurer werden diese willkommenen Pausensnacks.

Der Warmiwañusqa-Pass will nicht näher rücken. Bei einer Höhe von 3500 Meter habe ich bereits zwei T-Shirs verschwitzt. Etliche Träger rennen an mir vorbei den Berg hinauf, ich beginne zu kämpfen. Auf der Höhe von 3800 Meter liegt der Coca Cola-Preis bei knapp 10 US-Dollar. Das Getränk ist aber jeden Rappen wert. Bei 3900 Meter wundere ich mich, wieso die Inkas so hohe Steintreppen gebaut haben. Für einen grossen Tritt reicht meine Kraft nicht, für zwei Tritte sind die Stufen zu klein. Die dünne Luft beschert mir rasendes Kopfweh, die Sonne brennt gnadenlos auf mich hinunter. Auf vier Schritte kommt bereits eine kurze Pause. Bei 4000 Meter überhole ich Emily aus Südengland. „Come on, let’s do that together,“ versuche ich sie zu ermuntern. „No, I want to go home.“ Ich eigentlich auch. Kurz später höre ich hinter mir das Keuchen eines unseren Trägers. Auch er scheint am Ende der Kräfte, lächelt mich aber trotzdem fröhlich an. „You are very fast, Señor.“ Etwas irritiert bleibe ich mit meinem kleinen Rucksäckchen stehen und schaue ihm nach. Er rennt hier in peruanischen Flip-Flop’s mit immerhin 20kg den Berg hoch. Kurz vor dem Pass ist mein Schritt/Pause-Verhältnis bei 1:1 angekommen. Die Stufen sind unerträglich hoch, jeder Schritt wird zur Qual. Fünf Stufen vor der Passhöhe bin ich dann soweit, dass ich aufgeben möchte. Aber wenigstens noch ein Foto, sage ich mir.

Blick auf die Inkastadt Machu Picchu

Beim Abstieg zum Lagerplatz beginnt es wieder zu regnen. Die Aussicht ist trotzdem einmalig, anstatt schneebedeckte Berge liegt vor mir nun der Nebelwald von Paqaymayu. Das subtropische Klima dieses Tales bringt trotz der eisigen Höhe warme Luft bis weit hinauf zum Pass. Am frühen Nachmittag komme ich im strömenden Regen beim Lagerplatz an. Der Koch reicht mir eine Tasse warmen Coca Tees, zum ersten Mal geniesse ich diesen Geschmack. Kurz vor dem Abendessen kommen die Guides mit den letzten der Gruppe beim Lagerplatz an. Alle haben es geschafft, auch Emily.

Beim Abendessen haben alle etwas zu beklagen: Entweder Sonnenbrand oder Kopfweh. Oder beides, wie bei mir. Trotzdem ist die Stimmung ausgezeichnet. Es ist noch hell draussen, als ich mich todmüde in meinen Schlafsack verkrieche. Der Regen trommelt leise aufs Zeltdach.

Als ich am nächsten Morgen erwache, hat der Regen aufgehört. Weisse Nebelschwaden liegen über dem Nebelwald von Paqaymayu. Es ist eiskalt. Livan kommt vorbei mit einem Korb voller Cocablätter, gegen mein Kopfweh. Ich lehne dankend ab, bin aber gerührt über seine Aufmerksamkeit.

Nach dem Frühstück wartet ein weiterer Andenpass auf uns: Der Abra Runkurakay mit seinen gleichnamigen Ruinen liegt auf einer Höhe von knapp 4000 m. Also ein relativ kurzer Aufstieg. Die Sicht ist zu dieser frühen Morgenstunde noch etwas nebelverhangen, aber Eduardo macht uns Mut mit seiner positiven Wetterprognose. Und tatsächlich, kurz vor der Passhöhe tritt die Sonne durch den Morgennebel hindurch. Was nun folgt rechtfertigt sämtliche Strapazen des Vortags. Der Inca Trail zeigt sich von seiner schönsten Seite: Von den Sayacmarca-Ruinen in karger Steinwüste hinab in die üppige Vegetation des Nebelwaldes, weiter über verschiedene kleine Passhöhen, entlang steil abfallenden Berggraten, vorbei an wunderschön erhaltenen Inkaruinen. Und alles mit schönster Aussicht auf die schneebedeckten Andengipfel und die westlichen Ausläufer des Amazonas. Ein wundeschöner, überaus gemütlicher Spaziergang über Tausende von Steintreppen. Heute passen sie auch mir.

Der Tag endet beim Lagerplatz Wiñaywayna, ein schön angelegter Terrassenfeldbau der Inkas. Mein Kopfweh ist verflogen, die Vorfreude auf die letzte Etappe zum Machu Picchu ist riesig. Livan zeigt uns den Weg zu den heissen Duschen und dem kalten Bier. Wir sind fast schon zurück in der Zivilisation. Nach dem Abendessen verabschieden wir uns von unseren Trägern und Köchen. Stephanie aus Schottland kann etwas Spanisch und übersetzt unsere gemeinsam geschriebene Dankesrede. Die Begeisterung der Peruaner ist rührend. Auch wenn sie viele Gruppen auf dem Inca Trail begleiteten, war ihre Freude an der Arbeit doch jederzeit erkennbar. Das beeindruckte mich.

Der letzte Tag beginnt bei absoluter Dunkelheit um 3 Uhr morgens. Unsere Gruppe möchte möglichst früh am Inti Punko, dem Sonnentor, sein, um den Sonnenaufgang über Machu Picchu zu erleben. Da aber erst um 5 Uhr der Ausgang vom Lagerplatz Wiñaywayna geöffnet wird, müssen wir uns noch etwas gedulden. Es nieselt wieder leicht, ich bin todmüde, aber schon ordentlich nervös. Die letzten Kilometer auf dem Inca Trail laufen alle zügig, nach knapp einer Stunde führen die letzten Steintreppen zum Inti Punko hinauf. Helen aus Norwegen und ich stehen als erste beim Sonnentor, doch es ist bereits hell und dicke Nebelschwaden verhüllen die Sicht. Wir rätseln wo die Inkastadt sein könnte, als plötzlich ein Wind aufkommt und die Nebeldecke unter uns über den Bergkamm schiebt. Sprachlos stehen wir beide da und betrachten dieses Weltwunder. Auch ohne dramatischem Sonnenaufgang, dieser Blick zum Machu Picchu ist unglaublich eindrücklich!

Den ganzen Morgen laufe ich durch die Ruinen von Machu Picchu hindurch. Die Stadt ist wunderschön gelegen, die Ruinen in erstaunlich gutem Zustand. Viele davon bergen Mythen, andere wiederum glänzen durch spektakuläre Funktionen. Eine geheimnisvolle Stadt, deren eigentlicher Zweck bis heute unklar ist.
Das offizielle Ende des Inca Trails ist aber nicht Machu Picchu, sondern der zuckerhutförmige Berg Huayna Picchu, welcher auf den meisten Fotos von Machu Picchu im Hintergrund zu sehen ist. Obwohl es inzwischen wieder in Strömen regnet, klettere ich die steilen Steintreppen zum Huayna Picchu hinauf. Dicke Nebelschwaden verhüllen aber den Machu Picchu. Diese Aussicht werde ich mir aufsparen für’s nächste Mal.

Wenn dich Tobias mit seinem eindrucksvollen Erlebnisbericht über den Inca Trail angesteckt hat, schau dir gleich unsere Inca Trail Erlebnisreisen an:

Noch viele weitere Reisen findest du in unserem Lateinamerika-Katalog. Eine persönliche Beratung bekommst du von Tobias in unserem STA Travel Reisebüro in Basel.

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2 Kommentare

  1. Christian 23. September 2010 at 18:32

    Mein Blick schweift über den Monitor meines PCs und fällt auf eines unserer Imageplakate: Machu Picchu.
    Dank diesem genialen Post identifiziere ich im Hintergund direkt den “zuckerhutförmigen Berg Huayna Picchu” und fange an zu träumen…

    Toller Artikel und Merci Tobias!

  2. Loren 12. November 2010 at 15:16

    EIN absoluter TRAUM! Toller Bericht!

Kommentare

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