Reiseberichte

Zum ersten Mal allein unterwegs

Von Carina Müßen , 20. Januar 2017

Ein Wandel der privaten Lebensumstände hatte mich dazu verleitet einen Flug zu buchen. Einen Flug nur für mich, ganz allein. Indonesien sollte es werden. Das hatte als Reiseziel schon lange einen festen Platz auf meiner Bucket List inne und hat sich, in Anbetracht meiner eher übersichtlichen Reisekasse, quasi aufgedrängt… Nach Indonesien würden doch sicher aber Leute mitkommen wollen – denkt ihr. Wollten sie auch. Mehrere meiner Freunde hatten Interesse geäußert, aber ich wollte nicht. Ich wollte die Möglichkeit haben, mich treiben zu lassen. Machen, wozu ich an diesem oder jenem Tag Lust und Muße hatte und eben einfach nicht noch Tempel Nummer 137 besichtigten. Zum ersten Mal seit langem hatte ich nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt, wenn ich allein unterwegs sein würde.

Zum ersten Mal allein auf Reisen – Ein Selbstversuch

Okay, streng genommen bin ich nicht wirklich zum ersten Mal allein gereist. Doch meine Trips innerhalb Europas zähle ich nicht mit dazu. Ich meine eine Reise in die Ferne und Weite dieses Erdenrunds – auf eigene Faust. Nur mein Backpack und ich.

Seit Mai hatte ich den Flug nach Jakarta bereits gebucht gehabt. Seit Mai lagen meine Reiseführer rund um Indonesien als konstante Erinnerung kreuz und quer in meiner Wohnung herum. So wirklich richtig realisieren konnte und wollte ich das alles aber nicht. Ich habe den Sommer genossen und kaum einen Gedanken an die Reise verschwendet. Nachdem ich, etwa vier Wochen vor dem Abflug im September, meinen Flug dann doch noch einmal ein wenig umgebucht hatte, war endlich der innere Vorhang gefallen: ich fliege! Egal wie. Mein Plan, der eigentlich nie einer gewesen war, sah trotzdem nicht sonderlich konkreter aus: kaum Erwartungen an die Reise haben (an Erlebnisse, Reiseverlauf, Wetter etc.), relativ unspezifische Ansprüche, viel Authentisches erleben, hier und da ein Highlight mitnehmen, aber generell flexibel bleiben. Das fühlte sich gut an.

Am 27.09.16 ging es in der Früh in Richtung Jakarta los.
.
.
.

Am 23.10.16 setzte ich meine Füße wieder auf heimischen Frankfurter Boden.

Und ich war ein anderer Mensch. Nicht im wörtlichen Sinne, und doch war in diesen drei Wochen einiges mit mir und in mir geschehen, worauf ich insgeheim gehofft, was ich teilweise jedoch nicht oder nicht in dem Maße erwartet hatte:

1.) Ich bin allein losgezogen, aber kaum allein gewesen

Eigentlich war ich darauf eingestellt, von Tag eins an mein Ding zu machen und mich nicht darauf zu verlassen, sympathische Reisende kennenzulernen. Doch gleich zu Beginn meiner Reise hat mich der Zufall spannende Menschen treffen lassen. Doch selbst beim gemeinsamen Weiterreisen habe ich mich bei jeder Entscheidung die Reise betreffend gefragt: möchtest du das auch wirklich? Und wenn mein Bauchgefühl seine Zustimmung gegeben hat, war ich mit an Bord, falls nicht, habe ich mich einfach weiter treiben lassen. Zu keiner Zeit habe ich mich zu etwas gezwungen oder zwingen müssen. In keinem Moment hatte ich das Gefühl, nicht selbstbestimmt unterwegs zu sein. Und selbst wenn ich wirklich einmal allein unterwegs war: einsam war ich definitiv nicht. Auch diese Phasen konnte ich absolut genießen.

Einsam? Nein, nur allein unterwegs (Bali)

2.) Meine Komfortzone hat unheimliche Ausmaße angenommen

Was sich gut und richtig anfühlte wurde gemacht: sich mit einem Roller ins asiatische Linksverkehrs-Chaos gewagt, von einer 6 Meter hohen Klippe in einen Fluss gesprungen, das wohl beste Streetfood Indonesiens entdeckt, gemeinsam mit einer javanesischen Band in einer Beach Bar „One“ von U2 zum Besten gegeben und so vieles, vieles mehr. Vielen Ängsten habe ich einfach den Rücken gekehrt, und doch bin ich auf keinen Fall naiv unterwegs gewesen. Vielleicht war es eine Art Rückbesinnung auf meine Intuition und damit die Entwicklung einer Art Grundvertrauen. Ich weiß es nicht genau, aber meiner Komfortzone hat dieses ausgiebige Stretching enorm gut getan.

Roller fahren kann einen entspannen – wirklich! (Amed Coast, Bali)

3.) Der pure Zufall hat mich mit wunderbaren Menschen zusammengebracht

Mit Reisenden und Einheimischen gleicher Maßen. So viele dieser Begegnungen haben mich fasziniert und ich habe ganz tolle Gespräche geführt die mich mal mehr, mal weniger tief haben blicken lassen. Die random encounters mit einer kaum Englisch sprechenden Indonesierin im Flugzeug von Doha nach Jakarta; die Studentin im Zug auf dem Weg nach Yogyakarta, die ihren kranken Vater besuchte; meine Reisefreunde, die ich am Ticketautomaten am Bahnhof oder am Abend auf den Straßen von Bandung kennenlernte; der Besitzer der Homestays, die sich so rührend gekümmert haben; die Mutter mit ihrem kleinen Sohn, die mir an der Küste von Amed am Straßenrand im Dunkeln eine Kokosnuss verkaufte; die Mädels in dem kleinen Warung in Ubud, bei dem ich mir spätabends neben einem deftigen Nasi Campur to go auch noch ein paar balinesische Vokabeln mitnahm und so viele mehr.

Schön, solche Momente mit tollen Menschen teilen zu können (Bali)

4.) Ich habe sehr viel über mich erfahren

Nicht nur Situationen die ich spontan auf der Straße erlebt habe, oder bei denen ich eine Entscheidung treffen musste, haben mich viel über mich selbst gelehrt. Auch die Interaktionen mit den verschiedenen Menschen und Charakteren die meinen Weg gekreuzt haben, halfen mir dabei. Selbst die Gelassenheit, mit der ich allein unterwegs gewesen bin, war mir anfangs fast ein wenig unheimlich da ich mich so nicht kannte. Und das ist nur eines der vielen Dinge, die mich näher zu mir selbst gebracht haben. Auch wenn diese Reise keine Weltreise war und ich auch nicht Monate lang unterwegs gewesen bin, sie war eine wunderbare Auszeit genau im richtigen Moment.

Die innere Mitte finden? Vielleicht… (Pura Tirta Empul, Bali)

5.) Ich habe viel über das Land und seine Bewohner erfahren

Gut, viele Highlights und so genannte „Must-Do’s“ habe ich nicht mitgenommen. Doch das hat mich weder während der Reise, noch im Nachhinein gestört. Es war auch kein bewusstes „Dagegen-entscheiden“, es passte an diesem oder jenem Zeitpunkt einfach nicht oder hätte mich unnötig viel Reisezeit gekostet. Das „Sich-treiben-lassen“ half mir bestimmt auch dabei mich mehr darauf einzulassen, wie die Menschen auf Java und Bali ticken, wie sie ihr Leben gestalten oder gestalten müssen. Habe hier und da nachgefragt, tolle Gespräche geführt, mal in fließendem Englisch, mal bruchstückchenhaft mit Händen, Füßen und einem Mix aus Englisch und Indonesisch. Und habe dabei viel über den Alltag und die Kultur erfahren, auch zwischen den Zeilen.

Nein, die Mädels sprachen kein Englisch und ja, sie haben mir die Haare geschnitten 🙂 (Canggu, Bali)

6.) Ich würde es immer wieder tun

Gar keine Frage: allein unterwegs zu sein hat mir so unheimlich viel gegeben, dass ich Blut geleckt habe. Ich möchte mehr davon, viel, viel mehr! Klar, ich kann nicht davon ausgehen, dass jede Reise genau so werden wird wie diese. Aber in ihren Grundfesten ganz bestimmt, davon bin ich überzeugt. 🙂

Einfach jeden Moment genießen (Gunung Papandayan, Java)

Na? Habt ihr auch Lust bekommen, die Welt auf eigene Faust unsicher zu machen? Bei uns findet ihr noch mehr Inspiration und konkrete Tipps für das erste Mal Alleinreisen und auch für eine Weltreise, die ihr für euch selbst plant. Und wer weiß, vielleicht begegnet man sich auf einem dieser Solo-Abenteuer sogar …

VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 4.8/5 (5 votes cast)
Zum ersten Mal allein unterwegs, 4.8 out of 5 based on 5 ratings

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.